Und plötzlich war ich raus

Und plötzlich war ich raus

Amelie P. ist eine stattliche Frau Mitte Fünfzig, deren Händedruck auf Tatkraft und Entschlossenheit schließen lässt. Wir treffen uns in einem Café in Mitte. „Ich war Marketing-Chefin in einem Unternehmen in Bayern“, beginnt sie ihre Geschichte und blickt zum Fenster hinaus. „Die Führungsebene hat immer darauf geachtet, dass leitende Angestellte regelmäßig Fortbildungen machen. Ich habe sämtliche relevante Seminare in der gesamten Republik besucht, um das Familienunternehmen nach vorn zu bringen. Und deren Produkte“, lächelt sie und fixiert mich mit ihren großen, smaragdgrünen Augen. „Wir wollten es schaffen. Wir wollten ganz nach vorne. Wir wollten etwas bewegen.“ „Welche Branche war das?“, frage ich. „Gesundheitsartikel“, antwortet die Frau, die einen Stab von fünf Mitarbeitern führte. „Zehn Jahre war ich dort“, fährt sie gedankenversunken fort. „Die zehn besten Jahre meines Lebens. Alles habe ich für diesen Job gegeben. Meine Beziehung, meinen Freundeskreis, meine Hobbies, alles“, sagt sie und blickt auf ihre Handrücken. Es ist ihr anzusehen, dass sie eine schöne Frau gewesen ist. Jemand, dem alle Türen offen gestanden haben müssen.

Meine Krankheit kam schleichend

„Es fing ganz unspektakulär an, mit kleinen Hautfärbungen, erst am Hals, dann immer mehr im Gesicht. Sie können sich vorstellen, ich war zu beschäftigt, um mich mit Rötungen zu befassen oder stundenlang in irgendeinem Wartezimmer auf einen Arzt zu warten. Stattdessen kaufte ich mir sämtliche Kosmetik-Artikel, mit denen ich zu vertuschen suchte, was meine Seele immer mehr in Beschlag genommen hatte: Meine gnadenlose Leistungssucht. Dann schlug der Krebs zu. An einigen Stellen löste sich die Haut ab. Erst war es nur nahe dem Haaransatz, aber mmer mehr breitete es sich über mein ganzes Gesicht aus. Zu der Zeit trug ich nur noch Schals und Seidentücher. Ich wollte einfach nicht hinsehen. Doch die Melanome entwickelten Tumorabsiedlungen in meinen Lymphknoten. Als die Beschwerden immer stärker wurden, erlitt ich im Büro einen Zusammenbruch. Ich wusste, dass etwas nicht mit mir stimmt, aber ich konnte mir schon lange nicht mehr selbst helfen. Es war ein kleiner Konflikt mit einer Mitarbeiterin, die den Ausschlag gab. Ich verlor die Kontrolle über mich, zitterte am ganzen Körper und schrie die junge Frau wie von Sinnen an, weil ich meinte, sie habe einen irreversiblen Fehler gemacht. Daraufhin wurde ich sofort beurlaubt. Um mir Hilfe zu suchen, konsultierte ich meine Allgemeinärztin. Sie schickte mich daraufhin zu Spezialisten, was damit endete, dass ich mehrmals operiert werden musste, an was sich jeweils qualvolle Chemotherapien anschlossen. Über ein Jahr lang war ich arbeitsunfähig. Danach teilte mir mein Arbeitgeber mit, dass meine Stelle anderweitig besetzt worden war und schlug mir verschiedene Tätigkeiten vor, die ich allesamt nicht machen wollte. Und plötzlich war ich raus.

Ab da setzte mein Prozess ein

Ich war gezwungen, mich neu definieren. Ich war zu einer Frau geworden, die sich selbst im Spiegel nicht mehr erkannte, entstellt und leistungsunfähig. Ein Schatten meiner selbst, auch was mein Selbstbewusstsein oder Selbstwertgefühl betraf. Ich bekam überhaupt keine Anerkennung mehr auf Gebieten, die mir alles gewesen waren. Mein Aussehen, mein Auftreten, meine Souveränität und mein Selbstbild waren sprichwörtlich aufgefressen und zersetzt worden. Ich musste meine Werteskala neu ordnen. Und so begann ich, mein Leben zu überdenken, mir all die Entscheidungen in Erinnerung rufen, die mich dorthin gebracht hatten, wo ich damals stand. Ab da setzte mein Prozess in ein neues Leben ein. Heute bin ich dankbar dafür. Damals kam es mir vor, als würde ich sterben Aber ich wollte nicht aufgeben, ich wollte nicht, dass die Krankheit über mich und mein Leben siegt. Ich wollte wieder aufstehen. Ich wollte wieder mein Leben. Und das brachte den Umschwung. Ich erkannte, dass ich viele Jahre, wenn nicht den Großteil meines Lebens, Dinge getan hatte, die andere gut fanden, die auf der Skala der anderen im oberen Bereich angesiedelt waren. Ich war in das sprichwörtliche Hamsterrad eingestiegen, ohne mir zu überlegen, wie ich es steuern konnte. Ich selbst und nicht meine Umwelt. Nicht meine Vorgesetzten, nicht die Gesellschaft und auch nicht mein eigenes Gewissen. Mir wurde bewusst, dass ich andere Instanzen zu meiner eigenen erhoben hatte. Gesellschaftlich anerkannte Instanzen zwar, aber nicht die, die meinen Bedürfnissen und Sehnsüchten entsprungen waren. Klar hatte ich etwas erreichen und auch verändern wollen. Natürlich war ich angetreten, diese Welt ein bisschen besser zu machen. Und natürlich hatte ich in all dem mein Gesicht nicht verlieren wollen. Ironischerweise war es das, was schließlich eingetroffen ist. An die Stelle so vieler innerer Werte war meine äußere Erscheinung getreten. Anstatt mich einfach wohl mit mir selbst zu fühlen und das zu entwickeln, was mir wirklich Spaß macht und Erfüllung schenkt, hatte ich mich nach unbeugsamen Leistungsmerkmalen gerichtet. Mein Urteil über mich und mein Leben fiel also vernichtend aus.“ Zum ersten Mal in unserem Gespräch lacht sie lauthals auf. In diesem Moment schwappt so etwas wie ein Gefühl von Freiheit auch auf mich über. „Wir haben einen freien Willen“, fährt Amelie P. fort und blickt mich mit einem Lächeln an, das all ihre Narben im Gesicht verblassen lässt.

Der Einzigartigkeit des Menschen und der Vielfalt einer Gesellschaft gerecht werden

„Sie werden es nicht glauben, aber ich habe mit einer Freundin“, sie lacht und wiederholt es ausdrücklich, „mit einer Freundin, wir haben eine Kita aufgebaut, eine interkulturelle Kindertagesstätte. Und diesmal habe ich nicht jedes relevante Seminar dazu besucht, sondern mich mit Menschen unterhalten. Mit Eltern, Alleinerziehenden, mit Stadträten, Gemeinderäten, Bürgermeistern und Politikern. Ich habe Soziologen und Entwicklungspsychologen befragt und schließlich das gefunden, was mich Tag für Tag erfüllt: Das, was in Menschen angelegt ist, zu fördern. Dazu gehören auch die Eltern, mit denen wir gemeinsame Themenabende veranstalten und gemeinsam erörtern, was ihre Kinder und was auch sie brauchen, was sie sich vorstellen, um das zu entwickeln, was für ihren Weg nötig ist: Für den ihrer Kinder, ihrer Familien und auch bezogen auf ihr Umfeld. Aggressionsprävention zum Beispiel ist eines der großen Themen, das wir regelmäßig bearbeiten. Warum reagieren und handeln Kinder aggressiv? Was muss gestärkt werden, damit ein Zusammenhalt zustande kommt? Wie lernen wir Solidarität und Konfliktfähigkeit? Ich muss sagen, ich hätte mir zu Anfang meiner Krankheit nicht vorstellen können, welches Entwicklungspotential allein in mir geschlummert hat. Jeden Tag freue ich mich heute darauf, das bei mir und bei anderen zu entdecken und unterstützend tätig zu sein. Ich bin froh, dass ich für mich erkannt habe, dass der Weg aus meinem Hamsterrad immer wieder mein freier Wille ist, auszusteigen. Ich darf, ich kann und ich will immer wieder aus dem aussteigen, was andere von mir zu ihren Gunsten erwarten. Ich kann und darf mich immer wieder darauf besinnen, was meine Fähigkeiten und Anlagen sind und was die Fähigkeiten und Anlagen der Menschen um mich herum sind. Entwicklung ist Leben. Leben ist Entwicklung. Seit ich das für mich in Anspruch nehme, bin ich glücklich und zufrieden. Und ich glaube sogar, dass ich auf diese Weise sogar mein Ziel, diese Welt durch einen kleinen Anteil von mir selbst ein bisschen besser zu machen, eher erreiche als dadurch, mich auf Kennziffern zu fixieren, die sich in Statistiken gut machen, aber nicht unbedingt der Einzigartigkeit des Menschen und der Vielfalt einer Gesellschaft gerecht werden.“

Autorin: Isabelle Dreher

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