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Alles in Ordnung?

Herr O., wie ich ihn immer gerne nenne, weil ich seinen Namen nicht aussprechen kann, war nicht eben sehr gesprächig, als er mir die Zigarettenschachtel über die Kiosktheke schob. Dabei hätte ihm mein rosaroter Sportdress eine Steilvorlage für eine seiner sonst so treffenden Bemerkungen sein müssen. Aber seit der Kabarettistin aus Marzahn war wohl ganz Deutschland an diesen Look gewöhnt. „Kalt was?“, versuchte ich ein paar aufwärmende Worte als Auftakt zu meiner wirklichen Frage zu finden, was Herr O. mit einem Schulterzucken kommentierte. Ich griff nach der Schachtel, Herr O. nach dem Geld und dann haute ich es endlich raus: „Werden Sie eigentlich auch seit der Debatte um die Menschen, die jetzt nach Deutschland kommen, diskriminiert?“ Herr O. sah mich erst mit einem Erstaunen in den Augen an, als gehörte ich einer fremden Gattung an, die nicht einmal mehr was mit dem berühmten Marzahn’schem Look zu tun hatte, um dann den Kopf ganz leicht, so etwa 1 mm anzuschrägen, als gelte es, souverän einen Mini-Golf-Ball vor dem Toreinfall abzuwehren, und verlagerte dann gezielt sein Gewicht, das nicht unbeträchtlich war, von der linken auf die rechte Seite. Erst dann hob er das Kinn, fast schon provozierend, als wolle er gleich Worte wie ‚Hör mal, du bist wohl ein bisschen bekloppt‘ an die Luft setzen, aber zu meinem Erstaunen senkte er nur vertraulich den Kopf, um mich einfach anzulächeln. Also lächelte ich zurück. Herr O. lächelte weiter. Also blieb auch ich bei meinem Lächeln.

Ich habe die falsche politische Meinung vertreten

Herr O. lächelte immer noch, als ich erst einen, dann zwei Schritte rückwärts machte, um mich dann abrupt umzudrehen und losrennen wollte. „Cindy“, hörte ich plötzlich seine gellende Stimme, die meinen Nacken zu treffen schien, so dass ich mich unwillkürlich umdrehte, mich dabei aber leider so ungeschickt anstellte, dass ich auf der Stelle umknickte. Also kam Herr O. aus seinem Kioskgefährt herausgejagt, beugte seinen runden Kopf zu dem meinen herunter und fragte in glasklarem Deutsch: „Alles okay? Hast Du Dir weh getan?“ Ich war so verdattert ob meiner nicht geglückten Pirouette, dass ich zwei Mal mit „ja“ antwortete, was Herrn O. veranlasste, sofort meinen Fuß zu inspizieren. Er tat es mit einer solchen Routine, dass ich mich gezwungen sah, ihm die nächste Frage zu stellen: „Sind Sie Arzt oder sowas?“ Herr O. drehte meinen Knöchel noch zur anderen Seite, bevor er von mir abließ und seine Frage nach meinem Zustand selbst beantwortete: „Alles in Ordnung“. Grinsend streckte er mir die Hand entgegen, um mir vom Bordstein aufzuhelfen. Als er mich auf Augenhöhe vor sich platziert hatte, sah er mich fest an: „Ich habe in meinem Land Medizin studiert. Und ich habe die falsche politische Meinung vertreten.“ Ich nickte. Flüchtling, Männlich, Moslem – schoss es durch meinen Kopf.

Wirst du denn als Frau diskriminiert?

Da ich am Kiosk von Herrn O. bereits seit einigen Monaten täglich vorbeispazierte, ließ ich das nächste Wort in der Reihe weg: Aggressionsträger. Auch Herr O. ließ nicht erahnen, was er nach meinem gescheiterten Strassenwechsel-Versuch von mir hielt. Vielleicht etwas wie: Diätsüchtige Esoterikerin auf der Suche nach ihrer Mitte. Was sollte ich sagen? Mir hatte niemand wegen meiner Meinung nach dem Leben getrachtet. Mein Ex vielleicht, aber das auch nicht wirklich konsequent. Herr O. registrierte mit seinem medizinischen Verstand, dass sich hinter meiner Stirn etwas bewegte. Vielleicht war es meine plötzliche Wortkargheit oder das etwas zu grelle Rosa, das Herrn O. schließlich bewog, mich etwas zu fragen. „Wirst du denn als Frau diskriminiert?“ Mir fiel die Kinnlade runter und wenn ich aufgeklebte Wimpern gehabt hätte, wären sie in diesem Augenblick im Gulli versunken, auf dem ich stand. „Ich meine, so hübsch, wie Du bist“, setzte er nach. Ich wog in Sekundenschnelle ab, ob ich ihm eine scheuern oder es als normales Kompliment betrachten sollte. Herr O. hatte mich schachmatt gesetzt. Ja, ich fühlte mich stellenweise von Männern egal welcher Hautfarbe schräg angemacht und damit auch schon fast an die Grenze der Diskriminierung als würdevolle Westeuropäerin gebracht. Und ich genoss es als Rosa-Trägerin trotzdem, wenn mich jemand hübsch und den Mut fand, mir das ins Gesicht zu sagen und nicht über Twitter.

Vorurteile gehören in die Tonne

Auf meinem zielorientierten Fragebogen wäre jetzt eigentlich nur noch zu klären gewesen, welche Religion denn bei den zukünftigen Kindern ins Familienbuch eingetragen werden würde. Also tastete ich mich so behutsam vor wie es mir Herr O. vorgemacht hatte. „Ja, tatsächlich“, fand ich wieder zu meiner Sprache, ich fühle mich manchmal aufgrund meines Geschlechts benachteiligt. „Schon allein, wenn ich an den Gehaltsauszug meiner männlichen Kollegen denke“, setzte ich etwas trotzig nach. Obwohl die nie in die Kirche gehen und ich schon. Herr O. hingegen verzog keine Miene, während ich überlegte, ob ich vielleicht jetzt langsam lieber fliehen als mich weiter löchern zu lassen. Herr O. las meinen Impuls wohl an meiner Körpersprache ab, so dass er seine Hand auf meine Schulter legte und sagte: „Dann weißt du ja, wie es mir manchmal geht, obwohl ich selten eine Moschee betrete.“ Mehr sagte Herr O. an jenem Tag nicht mehr zu mir. Seine Hand ließ er so ruhig von mir gleiten wie ich meine religiöse Vorstellung über ihn. Als ich zu Hause angekommen war, schmiss ich als Erstes meinen Jogginganzug in die Tonne und dann meine zwar gut gemeinte, aber auch zweifelhafte Unterscheidungskunst in Sachen Beurteilung anderer einschließlich deren Lebensumstände. Seither lachen Herr O. und ich uns offen an, wenn ich an seinem Kiosk vorbeistolziere und ihm einen so schönen Tag wünsche wie er mir. Auf Deutsch natürlich.

Autorin: Isabelle Dreher